Archiv der Kategorie: Fragefragen

Interview mit André Müller: „Es gibt keine Antworten“

… Was macht den Reinz eines guten Interviews aus?

André Müller: Ich habe es immer als lächerlich empfunden, wenn irgendjemand glaubt, es gibt auf irgendwelche Fragen irgendwelche Antworten. Die Fragen sind in Wirklichkeit natürlich genauso lächerlich. Den Reiz des Interviews macht das Spiel aus, das ich als Interviewer gegen mein Gegenüber gewinnen will.

Wie gewinnt man dieses Spiel?

André Müller: Ein Interview ist eine an sich kranke Situation, in der sich der Befragte schamlos öffnen soll, der Interviewer aber nichts von sich preisgibt. Dieses Ungleichgewicht sollte aufgebrochen werden und der Interviewer muss einen Monolog mit verteilten Rollen formen …

Wolfgang Zwander, Student am Institut für Journalismus & Medienmanagement der FH Wien, im Gespräch mit der grand old Schachtel des großen Interviews zur Person, André Müller (Zeit, Stern, Playboy). Veröffentlicht im – auch ansonsten recht lesenswerten – Magazin „Das Interview“, S. 6-10, www.dasinterview.at.

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Interview mit Eckart von Hirschhausen: „Es wird am Ende nicht besser“

Wie viele Interviews am Tag kann man geben, ohne im Kopf blöd zu werden?

Eckart von Hirschhausen: Nicht viele. Eines.

Wie viele Interviews am Tag geben Sie in der Regel?

Eckart von Hirschhausen: Nicht mehr so viele wie früher, ich habe zu oft die gleichen Fragen beantwortet.

Ein gutes Interview…

Eckart von Hirschhausen: …ist eines, aus dem ich selbst noch etwas lerne über mich. Wenn man einen neuen Zusammenhang erkennt. Deshalb ist es so wichtig, dass der Interviewer vorbereitet ist. Wenn ich an den ersten drei Fragen merke, dass der noch nicht mal auf meiner Homepage war, dann verliere ich sofort die gute Laune. Neulich hatte ich so ein Telefoninterview, wo ich rauf- und runtergefragt wurde und merkte: Das hat überhaupt keinen Plan. Und dann sagte die Frau noch, ein bisschen patzig: „Sie sind doch Humortrainer, da müssten Sie eigentlich lustiger sein…“ Da wäre ich beinahe durch den Hörer gesprungen!

Wer war das?

Eckart von Hirschhausen: Das sage ich jetzt nicht, aber jedenfalls keine so wichtige Zeitung…

Was ist der häufigste Fehler, den Journalisten im Interview machen?

Eckart von Hirschhausen: Schlecht vorbereitet – geht gar nicht. Zu gut vorbereitet, im Sinne von: Ich weiß schon alles – das ist auch nicht gut. Man beobachtet das an einigen Talkshows, wo der Interviewer als wichtigstes Ziel hat zu zeigen, was er selber alles weiß, das geht schnell auf Kosten des Erkenntnisgewinnes. Und dann: Kein Ende zu finden. Wenn ein Gespräch gut läuft, muss man einfach mal „Cut“ sagen. Ich bin – und das wird auch jetzt wieder so sein – extrem frustriert, wenn ich ganz viel erzähle und dann wird davon nur ein Bruchteil abgebildet. Ich fühle mich als Interviewpartner verarscht, wenn das Kostbarste, was ich habe – nämlich Zeit und Aufmerksamkeit – missbraucht werden.

In welchem Verhältnis darf die Redezeit zum gedrucktem Text stehen, damit es aus Ihrer Sicht noch angemessen ist?

Eckart von Hirschhausen: Drei zu eins, würde ich sagen. Meistens ist es zehn zu eins bis zwanzig zu eins. Es ist auch eine Illusion, dass die genialsten Sätze am Ende eines Interviews gesprochen werden. Es wird tendenziell nicht besser.

Dann machen wir, bevor es zu fad wird, gleich Schluss! Unterbrochen zu werden ist…

Eckart von Hirschhausen: …ähnlich degoutant, denn in einem Interview wird ja eine Beziehung aufgebaut, die durch häufiges Unterbrechen gestört wird. Ein anderer, gern gemachter Fehler: die Technik nicht zu beherrschen. Wenn man da sitzt und seit einer halben Stunden wird nichts mehr aufgezeichnet, weil die Kassette alle war – das hat zwar einen gewissen Anfängercharme, der sich aber ziemlich schnell abnützt.

Wie gelingt ein Interview?

Eckart von Hirschhausen: Ich habe immer, wenn das möglich war, den Journalisten vorgeschlagen, während des Interviews spazieren zu gehen. Licht und Bewegung brauchen wir alle, und so hilft es beiden Seiten, wenn man das Gerät nimmt und gemeinsam eine Runde dreht. Man redet dann auch ganz anders miteinander, muss sich nicht die ganze Zeit anschauen – eigentlich die viel natürlichere Art des Miteinander-Sprechens. Gedanken kommen buchstäblich in Bewegung, und man ist hinterher besser drauf. Oft macht man, wenn man gemeinsam eine Runde dreht um einen See oder in einem Park, auch einen inhaltlichen Bogen – man kommt auf etwas zurück vom Anfang des Gespräches. Und darum geht es ja auch im Interview, eine Form von Kohärenz zu schaffen. Eine Kohärenz, die einem vielleicht selbst gar nicht klar ist.

(Interview mit Eckart von Hirschhausen, Bonn, Ende August 2008. Wissenschaftsjournalist, Medizinkomiker, Erfolgsschriftsteller und jetzt auch Talkshowgastgeber – Eckart von Hirschhausen predigt dem Land auf allen Kanälen. Die Seiten, die seine PR-Leute promotet haben wollen: http://www.humorhilftheilen.de und http://www.hirschhausen.com. Ein Interview mit EvH ist im Playboy 9/2009 erschienen.)

„Wie viele Interviews pro Tag kann man überstehen?“

Ich: Herr Glavinic, wie viele Interviews hatten Sie schon zu dem neuen Buch?

Glavinic: Noch gar keines. Alles erst im August. Ich bin ja hier im Urlaub.

Ich: Wie viele Interviews pro Tag kann man überstehen, ohne Schaden an der Seele zu nehmen?

Glavinic: Zehn.

Ich: Zehn?

Glavinic: Zehn gehen. Bei der Buchmesse macht man ja nichts anderes. Man wird zwar wahnsinnig dabei, aber bitte: Was ist denn die Alternative? Kein Interview. Das hieße ja, man schreibt Bücher, für die sich keiner interessiert. Ich werde mich micht über sowas beklagen, das ist halt so, das gehört dazu.

Ich: Welches ist das beste, das erste oder das zehnte Interview am Tag?

Glavinic: Sicher nicht das zehnte. Ganz sicher nicht!

Ich: Lernt man etwas aus Interviews?

Glavinic: Wie bitte?

Ich: Lernen Sie etwas aus Interviews?

Glavinic: Nein.

(Interview mit Thomas Glavinic, Anfang Juli 2009, Rom. Thomas Glávinic‘ neuer, unbedingt zu lesender Roman „Das Leben der Wünsche“ erscheint dieser Tage im Hanser-Verlag – oder wie die Analphabeten aus dem Verlag schreiben, im „Hanser Verlag“, http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-23390-4. Das Interview demnächst im PLAYBOY.)