Archiv der Kategorie: Aus der Fragebranche

No Future

Dirk von Gehlen (jetzt.de) will über den Journalismus diskutieren (http://www.dirkvongehlen.de/index.php/netz/meine-vier-satze-fur-den-journalismus/) und will von Allen eine Meinung zu vier Fragen. Dann meine ich mal:

Das sollte jeder Journalist/jede Journalistin heute lernen:
Dass Pferdekutscher mal ein echt wichtiger Beruf war, der eine goldene Zukunft hatte.

Nutzerbeteiligung macht den Journalismus besser, wenn …
Alle Nutzer ein bayerisches Abitur haben.

In zehn Jahren werden wir uns darüber wundern, dass in der heutigen Debatte …
Lauter Leute mitreden, von denen in zehn Jahren niemand mehr als Journalist arbeitet.

So könnte ein Geschäftsmodell für den Journalismus von morgen aussehen:
Spenden. Mitleid. Corporate. Und ein, zwei, drei Inseln à la Zeit, Spiegel, SZ. Mehr nicht.

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Arme Johanna Adorján!

Arme Johanna Adorján!

Da muss sie sich in Marcel Reich-Ranickis Wohnzimmer schicken lassen, um für die F.A.S. ein Interview zu führen, auf das MRR so was von überhaupt gar keine Lust hat, dass es schier weh tut, das zu lesen. Sie müht sich, er murrt. Ein Dokument des Scheiterns, hier der Schluss:

….

Wir sind fertig. Bitte, ich will Sie nicht noch länger quälen.

Sie haben sehr viel von mir gehört.

Finden Sie?

Wahnsinnig viel!

In den anderen Interviews haben Sie viel mehr gesagt.

Nein.

Nein? Dann las sich das nur so.

Sie haben, das ist nicht Ihre Schuld… Ich verstehe den Unterschied, dass Sie davon reden. Weil Sie Dinge rausholen möchten, über die ich mich nicht äußern möchte.

Und gibt es etwas, worüber Sie ganz viel Lust hätten zu reden, dann könnten wir das jetzt tun!

Nein.

Klatsch aus dem Literaturbetrieb?

Nein.

Da sollen Sie so gut informiert sein, heißt es.

Weiß ich nicht. Manchmal ist es so, manchmal ist es nicht so. Es wundert mich übrigens, dass Sie nicht nach meinen Liebesgeschichten gefragt haben.

Darüber hätten Sie gerne gesprochen?

Nein.

5×5 Fragen

Die fünf ist ja eine heilige Zahl: Die fünf Säulen des Islam, die fünf Sinne, fünfstellig sind die Postleitzahlen, fünf Mitglieder hatten – so ungefähr – die Beatles…

So hat Spiegel Online dem Bahnchef Grube (fünf Buchstaben!) im Rahmen eines „etwas anderen Interviews“ 5×5 Fragen gestellt. Und zwar zu Kopf, Konzern, Karies – äh: Karriere, Krise, Kuriosem.

Irgendwie etwas gewollt, dieses Format, finde ich. Aber immerhin ein Format:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,695501,00.html

Warum nicht Beoncé statt Carstensen?

Gerd Rapior ist ein ehrenwerter Journalist, er arbeitet für den NDR, liefert „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ landespolitische Berichte zu, die Kollegen in der Landespressekonferenz Schleswig-Holstein wählen ihn zu ihrem Vorsitzenden.

Er interpretiert seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag etwas – sagen wir mal – breiter und unkonventioneller als die anderen Sesselfurzer und trainiert die Landes-CDU in Interviewtechnik. Der Ministerpräsident, der CDU-Sprecher und der Landesgeschäftsführer, der Innen- und der Finanzminister, allen bringt Herr Rapior bei, wie man Interviewfragen pariert.In einem Schloss, in dem schon mal die Beatles übernachtet haben, oder – im Falle des Herrn Ministerpräsidenten – auch per Hausbesuch. Für 1200 Euro pro Sitzung.

Gut, nun wird Herr Rapior zwar von den Gebührenzahlern dafür bezahlt, dass er den Politikern Interviewfragen stellt, aber es spricht doch eigentlich nichts dagegen, wenn das alles in einer Hand bleibt, oder? Und für die Binnenkonjunktur ist es auch gut, wenn die NDR-Journalisten ein bisschen etwas dazuverdienen, das kann er ja gleich wieder ausgeben, der Herr Rapior.

Die Kollegen aus der Chefetage des NDR sind da allerdings sehr unlocker. Sie reden von „journalistischer Unabhängigkeit“ und sowas und werfen Herrn Rapior

„gravierende Verstöße des Mitarbeiters gegen arbeitsrechtliche Bestimmungen und Interessen des NDR“ vor. Rausgeschmissen haben sie ihn.

Einen Fehler muss man allerdings Herrn Rapior machen: Hätte er mal lieber Beoncé trainiert, dann würde die lustigere Antworten geben, und Ingo Moce hätte sie nicht erfinden müssen. So hängt nämlich alles mit allem zusammen.

Further Information:

http://www.epd.de/medien_index_72911.html

http://www.welt.de/die-welt/vermischtes/hamburg/article6933918/Suspendierter-NDR-Journalist-schulte-auch-Carstensen.html

http://www.ndr.de/unternehmen/presse/pressemitteilungen/pressemeldungsh226.html

http://www.sueddeutsche.de/u5338q/3283453/Nebenjob-Trainer.html

http://www.ln-online.de/news/2760758

Neon hat Kummer

Mindestens so interessant wie die Mitteilung selbst über gefälschte Interviews bei neon

http://www.neon.de/kat/freie_zeit/literatur/presse/305750.html

ist die Debatte darüber auf neon.de.

Ohne jede Häme: Dem Stern hat sich gefakte Hitlertagebücher andrehen lassen. Bei der New York Times ist ein Reporter – trotz massiver Warnhinweise seiner betreuenden Redakteure – aufgestiegen und aufgestiegen, hat dort Hunderte von Artikeln untergebracht – bis das Blatt seine CopyPaste- und Lügenmethoden wahrhaben wollte. Die Washington Post hat einen Pulitzer-Preis gewonnen mit einer Geschichte, die von vorn bis hinten erlogen war.

Fakes hat es im Journalismus immer gegeben und wird es immer geben. Frisierte und gefälschte Interviews wird es immer geben.

Wie immer kleinere Redaktionen das verhindern sollen – I don’t know.

Putzig allerdings ist die Begründung der Basler Zeitung, warum man Mocek-Interviews gedruckt habe:

… Aufgrund dieser positiven Erfahrung und aufgrund der Tatsache, dass «Neon» eine Dokumentation besitzt, die für den Faktencheck verantwortlich ist und Texte sowieso nur mit einer Bewilligung der Chefredaktion zum Zweitabdruck freigibt, hatten wir uns vertrauensvoll dafür entschieden, das Interview mit Beyoncé Knowles in unserer Zeitung zu bringen…

http://bazonline.ch/kultur/pop-und-jazz/Zu-gut-um-wahr-zu-sein/story/24608394

Das kommt dann von dem ganzen Outgesource!

Der Bubenmissbrauch, die Juden – und die Heilbronner Stimme

Der Jesuiten-Pater Eberhard von Gemmingen gibt der Heilbronner Stimme ein Interview zum Missbrauchsskandal an Jesuitenschulen. Der Mann war von 1982 bis 2009 Chef der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, er ist also ein Medienvollprofi. Er sagt der Heilbronner Stimme Dinge, die – nun ja, ich will höflich bleiben, ist ja schließlich ein Kirchenmann – ziiiiiiiiiiiiiiiiiiiiemlich unmissverständlich missverständlich sind, und zwar – laut Spiegel Online:

„Es ist fatal, nun den ganzen Orden schlechtzumachen. Ich muss einen Vergleich ziehen: Mit den Juden ist es so losgegangen, dass vielleicht der ein oder andere Jude Unrecht getan hat. Dann aber hat man schlimmerweise alle angeklagt und ausrotten wollen. Man darf nicht von einzelnen Missetaten ausgehen und eine ganze Gruppe verurteilen. Und die Gefahr, dass das passiert, ist groß.“

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,676223,00.html

Die Heilbronner Stimme, die nach eigener Auskunft dem Herrn Pater das Interview zum Gegenlesen gegeben hatte, stellt selbiges auf ihre Internetseite. Nachdem der Kirchenmann merkt, was für – wie gesagt, wir wollen höflich bleiben – äuuuuuuuußerst steile Thesen er da in die Welt gesetzt hat, ist die Heilbronner Stimme so freundlich, das Interview um die Passage zu bereinigen.

http://www.stimme.de/heilbronn/nachrichten/region/Jesuiten-Pater-Eberhard-von-Gemmingen-Jesuitenschulen-Missbrauchsskandal;art16305,1758974

Warum haben das die Kollegen gemacht? Ist der Chefredakteur in Sorge, dass sein Sohn das Abitur in St. Blasien auch wirklich schafft? Oder ist der diensthabende Sonntagsredakteur Messdiener gewesen und will Schmutz von der Kirche abwenden? Oder steht der ganze Laden auf Gemmingens Payroll? Ich finde das ziemlich unprofessionell und jämmerlich, wie sich die Zeitung da zum Laut- und dann wieder zum Leisesprecher eines Kirchenfunktionärs macht.

„Die da oben“ – Interviews mit denen da oben

Gerade mal wieder hineingeblättert, für mich ein sensationelles Buch: Jan Heidtmann/Barbara Nolte: „Die da oben. Innenansichten aus deutschen Chefetagen.“ Suhrkamp 2009.

Interviews mit den großen Has Beens und Will Have Beens der deutschen Wirtschaft: Ricke (Telekom), Mehdorn (Bahn), Appel (Post), Dibelius (Goldman Sachs) etc. Man möchte sie fast bemitleidend kuscheln, diese großen Haudraufs, wie sie da von ihrer Einsamkeit und von dem brutalen Druck an der Spitze großer Konzerne erzählen. Wahnsinnig ehrlich, ja: intim das, was gesagt wird. Und – abgesehen von manchmal etwas ungelenkem Gender-Problematisierungs-Gehabe – sehr bescheiden und klug das, was gefragt wird.

Meine zwei Lieblingsstellen:

Macht es einen nicht sympatisch, wenn man auch mal Schwäche zeigt?

(Mehdorn:) Sagen wir es anders herum: Glauben Sie, dass ein Weichei ein so großes Unternehmen wie die Bahn führen kann? Was meinen Sie denn, was da für einer sitzen muss? Ein Zögerer? Einer, der schreckhaft und zartbesaitet ist? Unmöglich. Schwäche können Sie zu Hause bei Ihrer Frau zeigen. Dort können Sie, wenn Sie wollen, auch heulen oder jammern. Aber nicht draußen. Das habe ich nie gemacht. Rate ich auch keinem.

….

Haben Sie Machiavelli gelesen?

(Werner Müller:) Ja.

Und?

Ganz nett.

Irgendwelche Lehren daraus gezogen für Ihre Arbeit?

Ich habe ihn relativ spät gelesen. Ich fühlte mich mehr bestätigt: So macht man das halt.

Also: Kaufen. Lesen. Lernen.