Archiv der Kategorie: Aus der Fragebranche

„Die da oben“ – Interviews mit denen da oben

Gerade mal wieder hineingeblättert, für mich ein sensationelles Buch: Jan Heidtmann/Barbara Nolte: „Die da oben. Innenansichten aus deutschen Chefetagen.“ Suhrkamp 2009.

Interviews mit den großen Has Beens und Will Have Beens der deutschen Wirtschaft: Ricke (Telekom), Mehdorn (Bahn), Appel (Post), Dibelius (Goldman Sachs) etc. Man möchte sie fast bemitleidend kuscheln, diese großen Haudraufs, wie sie da von ihrer Einsamkeit und von dem brutalen Druck an der Spitze großer Konzerne erzählen. Wahnsinnig ehrlich, ja: intim das, was gesagt wird. Und – abgesehen von manchmal etwas ungelenkem Gender-Problematisierungs-Gehabe – sehr bescheiden und klug das, was gefragt wird.

Meine zwei Lieblingsstellen:

Macht es einen nicht sympatisch, wenn man auch mal Schwäche zeigt?

(Mehdorn:) Sagen wir es anders herum: Glauben Sie, dass ein Weichei ein so großes Unternehmen wie die Bahn führen kann? Was meinen Sie denn, was da für einer sitzen muss? Ein Zögerer? Einer, der schreckhaft und zartbesaitet ist? Unmöglich. Schwäche können Sie zu Hause bei Ihrer Frau zeigen. Dort können Sie, wenn Sie wollen, auch heulen oder jammern. Aber nicht draußen. Das habe ich nie gemacht. Rate ich auch keinem.

….

Haben Sie Machiavelli gelesen?

(Werner Müller:) Ja.

Und?

Ganz nett.

Irgendwelche Lehren daraus gezogen für Ihre Arbeit?

Ich habe ihn relativ spät gelesen. Ich fühlte mich mehr bestätigt: So macht man das halt.

Also: Kaufen. Lesen. Lernen.

Einerseits die Pest – und anderererseits auch: die Autorisierung von Interviews

Preisfrage: Die Autorisierung von Interviews, also deren Vorlage beim Interviewten vor Abdruck, ist in Deutschland gesetzlich geregelt

a) im Pressekodex

b) im Grundgesetz

c) das ist höher aufgehängt, das regelt die Nato

d) im Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz vom 27. September 1994 (BGBl. I S. 2705), das zuletzt durch Artikel 3 des Gesetzes vom 11. August 2009 (BGBl. I S. 2723) geändert worden ist

e) nirgends?

Bingo, e) ist richtig. Aber die schärfsten Gesetze sind manchmal die ungeschriebenen. Und so ist die Autorisierung in Deutschland, und zwar so gut wie ausschließlich in Deutschland, so üblich geworden wie, äh – naja, üblich halt.

Für PR-Menschen, die dafür bezahlt werden, aus dem Gesagten und Gefragten das zu machen, von dem sie gerne hätten, dass es gesagt und gefragt worden wäre, ist die Autorisierung total super. Für Interviewer, die dafür bezahlt werden, auch mal am Lack zu kratzen, auch mal einen Blick hinter die Kulissen einer Person zu erhaschen, ist die Autorisierung die Pest. Und für das Publikum auch.

Eingeführt hat die Autorisierung übrigens einst der Spiegel, Ex-Spiegel-Justiziarin Dorothee Bölke begründet das so:

„Interviews müssen in der Regel gekürzt und redigiert werden… Durch Flüchtigkeit könnte es zu einer Persönlichkeitsverletzung des Gesprächspartners kommen, weil man seine Aussagen nicht korrekt wiedergegeben hat. Eine Autorisierung schützt die Redaktion also auch vor Fehlern… Zu bedenken ist auch, dass ein Gesprächspartner seiner Rede und seinen Gedanken freieren Lauf lässt, wenn er sich nicht unter dem Zwang fühlt, gleich „druckreif“ sprechen zu müssen. Das fördert vielleicht sogar – zu Freude des Journalisten – bessere Informationen zutage…“

(Dorothee Bölke: Presserecht für Journalisten. München 2005)

Nun ja.Meine Erfahrung ist eine andere: Die Autorisierung wird dazu benutzt, das Gespräch so hin- und herzubiegen, wie es den PR-Menschen halt gerade so passt. Aber Interviewer sollten nicht ohne Muh und Mäh sämtliche Änderungswünsche akzeptieren, sondern die Autorisierung als einen sportlichen Verhandlungsprozess begreifen. Wer  da zu leicht einknickt, nimmt dem Leser die Chance auf möglicherweise interessante Zitate. Mögliche Gegenstrategien fürs Schachern:

Word-Dokumente laden zum Herumdoktern ein, deshalb lieber pdfs oder Faxe der Abschrift schicken

– Argumentieren mit Authentizität: „Aber so genau ist es doch gesagt worden, ich hab’s doch so auf Band“

– Notfalls drohen: Eskalierbar von „Dann machen wirs kleiner“ über „Dann bringen wirs gar nicht“ bis hin zu „Dann machen wir ein Porträt draus mit indirekten Zitaten“ (persönlichkeitsrechtlich allerdings ziemlich risky!)

– Absolutes NoNoNo: Fragen verändern lassen; Überschriften, Bildunterschriften, Anlauftexte etc. zur Autorisierung herausgeben.

Nochmal: Wer im Autorisierungsgefecht zu schnell schlappmacht, vorenthält dem Leser gutes Zeug (denn es werden ja meistens die provokanten, originellen, gewagten Aussagen einkassiert) und macht dem nächsten Interviewer die Arbeit noch schwerer, als sie eh schon ist.

Venceremos!

Mal richtig ausgekotzt

„Wunderkind“ kotzt sich auf spox mal so richtig aus – über die Fragenverhinderitis im Fußball:

„… Die meisten Interviews führen nun mal kein Eigenleben mehr, sondern folgen statt dem Frage-Antwort-Schema eher dem Frage-Phrase-Schema. Aussagen haben ihre Aussage verloren, weil man als Zuschauer genau so schlau ist wie vorher, wenn Spieler X oder Trainer Y sagt, dass man nur auf sich und von Spiel zu Spiel schauen müsse. Das wurde ihm im Interviewtraining eingeprügelt und daran hält er sich, nicht ohne verschmitzt zu lächeln, weil er weiß, dass alle wissen: Er hat keine Wahl, etwas anderes zu sagen….“

http://www.spox.com/myspox/blogdetail/-Hat-gesagt-und-hat-passiert-,68832.html

Brandexklusiv, nur bei uns, heute zuschlagen: Raab auf allen Kanälen

Stefan Raab, ganz exklusiv, ausschließlich und speziell für die eigene Leserschaft befragt im Interview bei

– TV direkt (http://www.tvdirekt.de/inhalt.html)

– TV Today (http://www.tvtoday.de/tv_aktuell/neu_im_tv/unser-star-fuer-oslo-interview-mit-stefan-raab,4055807,ApplicationArticle.html)

– TV Digital (http://www.tvdigital.de/magazin/interviews/stefan-raab-rettet-er-den-eurovision-song-contest)

– TV Movie (http://www.presseportal.de/pm/6568/1547957/tv_movie/)

Sehr gute Sache, die die Kollegen von DWDL da bemerkt haben!

http://www.dwdl.de/story/24398/unsere_pressevielfalt_oder_der_vierfache_stefan_raab/

Wie mein Lateinlehrer immer sagte: Wer lesen kann, hat mehr vom Leben. Gilt auch für Programmzeitschriften. Wenn das mein Lateinlehrer wüsste…

Ziemlich gaga – aber ein Fest!

Hurch: Die Bayern müssten einfach zu Österreich gehören, dann wären sie das Problem los.

SZ-Magazin: Oder die Österreicher zu Bayern.
Hurch:
Ich bin aufgewachsen in Schärding am Inn. Das Haus war direkt am Fluss, und wenn ich hinausgeschaut habe, habe ich nach Deutschland geschaut. Ich habe immer gefunden, dass Passau viel besser zu Österreich gepasst hätte.

SZ-Magazin: Dann müssten Sie aber ganz Bayern nehmen, auch die Franken.
Blumenau:
Ein grauenerregender Dialekt. Lothar Matthäus, Daniel Küblböck(der allerdings nicht aus Franken, sondern aus Niederbayern stammt; d. Red.). Schrecklich!
Gruber: Wer ist dieser Küblböck?
Hurch: Ein berühmter Fußballer, lange Zeit Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft

Geführt im Café Engländer in Wien.

Gedruckt im heutigen SZ-Magazin.

Nachzulesen unter http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/32370/5/1#texttitel

The Mördermonsteroberhammerinterview.

Ziemlich gaga. Aber vor allem: ein Fest!

„Der Respekt für Männer ist verloren gegangen“ – Interview mit Gerhard Amendt

Die Welt lässt den Soziologen Gerhard Amendt im Interview die Gleichberechtigung, das Gender Mainstreaming etc. abwatschen. Erwartbar konservativ, aber doch interessant, mit ein paar steilen Thesen, z.B.:

Die Welt: Sind Frauen den Männern gegenüber respektloser geworden?

Amendt: Die Frauen haben in den letzten 20 Jahren den Respekt für ihre Interessen und Wünsche erhalten, aber leider ist dieser Respekt zulasten des Respekts für Männer und Jungen gegangen.

Das ganze Interview auf

http://www.welt.de/die-welt/debatte/article5718712/Die-Verlorenheit-der-Maenner.html

„Hauptsache, laut“ – Hebammen-Interview in der Zeit

Es gibt Chefreporter und Chefstreporter, es gibt Meinungs-Ressorts, es gibt Kommentar-, Reportage- und Essaypreise noch und nöcher.

Aber es gibt – so weit ich das jedenfalls weiß – keinen einzigen „Chefinterviewer“ in einem deutschen Medium, nirgendswo kein Interview-Ressort nicht und keinen fucking einzigen Interviewpreis.

Sauerei!

Wer die Sache mit dem Fragen immerhin ziemlich ernst nimmt: die Zeit. Immer mal wieder wird ein ganzes Dossier für ein Interview freigeräumt, so wie jetzt mit der Hebamme Luise Kaller. Ziemlich witzig und interessant, das!

Über die durchgeschriebenen Stellen, an denen die gefühligen Reporter beweisen müssen, dass sie gefühlige Reporter sind („milchiges Licht“ etc.) einfach hinweglesen! Enjoy!

http://www.zeit.de/2010/01/DOS-Interview-Hebamme

„Erst war der Kohl grün, jetzt ist er braun“ – Interview mit dem Physiotherapeuten des 1. FC Köln

Warum Kohlwickel dicke Knie wieder dünn machen, wie man die Schweinegrippe weglutscht und wie er sich mit einem Haarschnitt Spielerfrauenhass einhandelte: All das erzählt Dieter Trzolek, Physiotherapeut des 1. FC Köln, in einem ziemlich lustigen Interview auf spox.

Enjoy!

http://www.spox.com/de/sport/fussball/bundesliga/1001/Artikel/dieter-trzolek-interview-physiotherapeut-wunderheiler-pendel-leverkusen-koeln.html

„Presseheft nicht bekommen?“ – Es gibt Tage, da fühlt man mit Til Schweiger

Es gibt Tage, da fühlt man mit Til Schweiger.

Erst pariert er im Interview – sau-bockig, aber eben auch sau-ehrlich – die ziemlich süßen Heranwanz-Versuche der Herrschaften Spiegel-Redakteure („Möglicherweise hätte uns Ihr neuer Film gefallen… Vielleicht ist er besser, als wir gedacht haben.“)

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,664363,00.html

Und dann holt Spiegel Online die große Pumpgun heraus und mäht den Film, aber viel mehr noch dessen Macher derart nieder (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,664998,00.html), dass man denkt: Armer Til Schweiger.

Die Obervertickerer from Freising, Upper Bavaria – Post von den „Interview People“

Auf gut Deutsch würde ich sagen: Die übersetzen und verhäkseln und vermanschen und verpanschen Interviews aus deutschen Medien und verticken sie ins Ausland. Und andersherum.

Auf ihrer Website heißt es, gleich viel vornehmer:

„This website is the right place for editors. THE INTERVIEW PEOPLE offer you up to date and exclusive content for your media. This includes interviews with celebrities from the world of music, movies and entertainment. You will also find articles on politics, economy and environment as well as on arts, sports, lifestyle, fashion and beauty.“

Von Zweitvermarktung usw. – keine Rede. Es geht um die Interview People, eine Media Agency from 85354 Freising, Upper Bavaria. (http://www.theinterviewpeople.com/)

Heute Post von ihnen bekommen, da haben Bill Clinton und Bob Geldorf im Angebot. Morgen wahrscheinlich Gott und den Papst und die Heilige Veronika – und niemand weiß so richtig woher, für wen, warum.

Der Spiegel schrieb unlängst darüber, wie die Jungs (und Mädels?) aus altem Material ein Schumi-Interview zusammengeklaubt und als neu, exklusiv vertickt haben: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-66360426.html

Ich würde mal sagen: Das sind die Totengräber des Interviews.

So, und jetzt klagt mal schön, Adresse im Impressum.

Markwort vs. Saarbrücker Zeitung 1:2

Eine Art 8. Mai 1945 und 9. November 1989 zusammen – so schreiben’s die meisten: Mit der Niederlage Helmut Markworts gegen die Saarbrücker Zeitung vor dem Bundesgerichtshof sei die Sonne über dem Abendland wieder aufgegangen, die Morgenröte der Pressefreiheit.

In eigener Sache jedenfalls schreibt die Saarbrücker Zeitung: (http://www.saarbruecker-zeitung.de/aufmacher/lokalnews/Roger-Willemsen-Interview-Focus-Gericht-Prozess-Urteil;art27857,3104911)

Die Jura-Nerds sagen uns, was das Ganze für die Verbreiterhaftung in Interviews heißt, ganz bestimmt heißt, heißen könnte:

http://www.ip-notiz.de/bgh-kein-unterlassungsanspruch-markworts-gegen-abdruck-kritischer-interviewauserungen-zu-focus/2009/11/17/

http://www.sueddeutsche.de/kultur/411/494744/text/

http://www.juraforum.de/jura/news/news/p/1/id/302793/f/106/

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31528/1.html

Und die Pressemitteilung zum Urteil selbst steht hier (Urteil liegt noch nicht elektronisch vor):

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=pm&Datum=2009&Sort=3&nr=49905&anz=235&pos=0&Blank=1

Kurzum: Das Heimspiel vor dem Hamburger Oberlandesgericht hat Helmut Markwort gewonnen, das Auswärtsspiel vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe verloren. Kommt’s zu einer dritten Partie vor dem Bundesverfassungsgericht? Helmut Markwort prüft.

Und für uns Interviewmacher bedeutet das: Besser mal nachfragen beim Hausjuristen, ob das Klopperzitat über Person Y, das uns Person X im Interview in den Block diktiert hat, auch wirklich juristisch wasserfest ist.

Mit Hamburg ist in Karlsruhe Schluss

Ein ziemlich schlauer und pointierter Text über die Haftung für Äußerungen von Interviewpartnern und die Skurrilität des fliegenden Gerichtsstandes:

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31434/1.html

„Man darf Spieler nicht einfach nur kaufen, weil sie gut sind“ – SZ-Interview mit Philipp Lahm

Das Skandal-Interview mit Philipp Lahm, von den Kollegen der Süddeutschen noch gnädigerweise mit einer Schnarch-Überschrift betitelt – voilà:

http://www.sueddeutsche.de/sport/367/493712/text/

P.S.: Und hier unser Playboy-Interview zum Thema

http://www.playboy.de/menschen/interview/philipp_lahm

Lesetipp: Sportstars im Kreuzverhör

Es ist eine ganz eigene Form, die Paul Kimmage da gefunden hat: Interviewporträtreportagenfeatures könnte man die Texte nennen, die der britische Zeitungsjournalist über Boris Becker, Greg Le Mond, Jackie Stewart und andere Sportgrößen verfasst hat.

Kimmage schreibt für die Sunday Times, und zwar hauptsächlich das, was dort The Big Interview heißt. Jetzt sind seine besten Stücke auf Deutsch erschienen, in „Talk don’t Run. Sportstars im Kreuzverhör“ (Covadonga-Verlag, 14,80 Eur). Geschichten, die mal mit dem Dschungelbuch beginnen, mal mit einer Szene aus einem Scorsese-Film und mal mit einem Traum. Man ist als Leser – weit jenseits des üblichen „Ein kalter Donnerstagabend in London“ – bei der Interviewsituation dabei, hört, schmeckt, riecht den Ort und die Umstände des Gesprächs.

Und Kimmage hat, wie so häufig im angloamerikanischen Journalismus, nicht diese panische Angst vor dem „Ich“. Er erzählt uns also, warum er wen mag und warum wen nicht, welchen Eindruck er bei der Sharapova gerne hinterlassen hätte und warum das nicht geklappt hat – immer ehrlich, immer unterhaltsam.

Dass Paul Kimmage auch noch Ahnung hat von der ganzen Sache, er war mal Radprofi, immerhin Tour de France, schadet seinen Interviews nicht. Und die deutsche Übersetzung: Passt schon.

Also: Kaufen! Und lesen!

„Ich mit Buch – das ist neu“ – SPIEGEL-Gespräch mit Michael Schumacher

Es kommt nicht oft vor, dass der Spiegel ein Interview zum Titelthema macht – erst recht nicht zum alleinigen Titelthema. Diese Woche war das aber so: Mit „Was bringen mir ein paar Siege mehr“ (für das Fragezeichen war kein Platz) ist das Gespräch mit Michael Schumacher überschrieben.

Was also halten wir von diesem Interview?
Zur Aufstellung: Der Spiegel ist in Mannschaftsstärke angerückt -Chefredakteur, Ressortleiter Kultur und Sportredakteur. Also ein Fachidiot und – ohne den Herren jetzt zu nahe treten zu wollen – zwei Idioten. Erstmal nicht schlecht, fachliche Kompetenz gepaart mit hohem Rang. Viel Gold auf den Schulterklappen schmeichelt dem Interviewpartner. Und der Leser hat auch was davon, wenn nicht nur Fachleute fragen.
Das Interview ist kein reines Frage-Antwort-Interview: In durchgeschriebenen, längeren Passagen (bis zu einer halben Seite) wird Atmo geschildert, zurückgeblickt,  überhöht. Und – wir sind schließlich beim Spiegel – damit angegeben, wie lange und wie gut man Schumi schon kennt.
Im Interview geht es um sein Leben als Rennsport-Rentner; den Rücktritt vom Rücktritt und den Rücktritt vom Rücktritt vom Rücktritt; die Zukunft der Formel 1.
Einige Male haben die Interviewer Fragen in den Text gepfropft, bei denen man sich denkt: „Wo kommst Du denn jetzt plötzlich her?“ Sie fragen „Fragen“ wie „Er [Massa] hat großes Glück gehabt, oder?“ oder „Es war Ihnen nicht egal, was in der Zeitung steht?“ Sie lassen Schumi sagen: „Aber es war auch sehr schön [Feedback aufs Comeback“ und „Ich bin glücklich [jetziges Leben]“ und „Ich würde es das Ausloten von Grenzen nennen [Motorradrennen]. Sie reden mit ihm erst über das Comeback, dann über die Medien, dann über das Motorradfahren, dann wieder über das Comeback und dann wieder über die Medien.
Also: Ist man berührt, wenn man das Interview liest? Überrascht? Denkt man sich: „Whow, krass, dass der das so sagt. Und krass, dass die das aus dem rausgekitzelt haben!“? Not really.
Liegt’s am Spiegel? Nein, es liegt an Schumi. Er kann einfach besser Auto fahren als über das Autofahren reden.
Für mich die beste Antwort von Schumi: „Ich mit einem Buch auf der Terasse – das ist auch für mich neu.“ Es fällt einem nicht wirklich schwer, das zu glauben.

Interview mit André Müller: „Es gibt keine Antworten“

… Was macht den Reinz eines guten Interviews aus?

André Müller: Ich habe es immer als lächerlich empfunden, wenn irgendjemand glaubt, es gibt auf irgendwelche Fragen irgendwelche Antworten. Die Fragen sind in Wirklichkeit natürlich genauso lächerlich. Den Reiz des Interviews macht das Spiel aus, das ich als Interviewer gegen mein Gegenüber gewinnen will.

Wie gewinnt man dieses Spiel?

André Müller: Ein Interview ist eine an sich kranke Situation, in der sich der Befragte schamlos öffnen soll, der Interviewer aber nichts von sich preisgibt. Dieses Ungleichgewicht sollte aufgebrochen werden und der Interviewer muss einen Monolog mit verteilten Rollen formen …

Wolfgang Zwander, Student am Institut für Journalismus & Medienmanagement der FH Wien, im Gespräch mit der grand old Schachtel des großen Interviews zur Person, André Müller (Zeit, Stern, Playboy). Veröffentlicht im – auch ansonsten recht lesenswerten – Magazin „Das Interview“, S. 6-10, www.dasinterview.at.

Dem Lynch seinen Leuten ihrm Projekt ihre Seite

Internet ist dumm, hält einen von der Arbeit ab und will einem eigentlich immer nur Schweinekram verkaufen. Stimmt schon.

Und dann sowas: David Lynch lässt ein Team von links (Pazifik) nach rechts (Atlantik) durch die USA reisen und kleine Interviewfilmchen machen. Gespräche mit kleinen Leuten über die kleinen Dinge im Leben, die ja eigentlich die ganz großen sind – und andersherum.

Tolltolltoll!

Hier geht’s zu dem Lynch seinen Leuten ihrm Projekt ihrer Seite:

http://interviewproject.davidlynch.com/

Lieber lustig und gelogen als langweilig und ehrlich?

Im aktuellen SPIEGEL (36/2009, 144ff) wird Charlotte Roche zu ihrer neuen Talkshow befragt.

Roche: (…) Ich bin ja dafür, dass ein Gast lieber lügt, damit es unterhaltsam wird, als eine langweilige Wahrheit zu erzählen.

SPIEGEL: Ist das Ihr Ernst?

Roche: Natürlich, das ist doch die Voraussetzung für gute Unterhaltung. Egal, ob am Kneipentisch oder im Fernsehen.

SPIEGEL: Belügen Sie uns dann hier auch?

Roche: Bisher noch nicht. Aber falls ich beginne, Sie anzuöden, müssen Sie nur Bescheid sagen.“

Klingt schick, klingt steil. Aber mit Journalismus hat dann das, was Sie tun, eigentlich nix mehr zu tun, Frau Roche!

Sauber zweitvermarktet: Die Lahann, der Zadek, der STERN und die ZEIT

Im aktuellen STERN schreibt Birgit Lahann eine Geschichte darüber, wie sie vergangenes Frühjahr ein „kleines, freches“ Stück über Peter Zadek geschrieben habe, weil der ihr ein zugesagtes Interview nicht gegeben habe.

Die aktuelle ZEIT veröffentlicht nun das „letzte Interview“ von – richtig: Birgit Lahann – mit – ganz genau: Peter Zadek.

Äh, wie jetzt?

Manipuliert?

Was für eine Unverschämtheit!

Das stört der ORF den Finanzminister Pröll von der ÖVP mitten im Sommer für ein Interview, und dann wagen diese journalistischen Cretins es auch noch, die Aussagen des Herrn Ministers zu KÜRZEN! Skandal, wozu hat man schließlich einen öffentlich-rechtlichen Sender? Doch dafür, bitteschön, dass die Frau- und Herrschaften gefälligst weiterverbreiten, wie man als Minister die Welt sieht. Und nicht dafür, dass diese Mikrofonständer auf zwei Beinen plötzlich anfangen herumzuredigieren oder zu kürzen…

Der ORF dokumentiert die Sache, zeigt das Original- und das bearbeitete Interview auf seiner Website, lässt die Leser/User/Schauer zu Wort kommen und klärt auf über das Zustandekommen von Interviews im Fernsehen. Gute Sache, das!

http://zib.orf.at/zib2/wolf/stories/379462/