Antwort der Woche

Eigentlich schon uralt, aber beim Schreibtischaufräumen brandaktuell aufgetaucht: das Jahres-Interview der Zeit mit Harald Schmidt, Ausgabe 2008. Ganz großes Tennis, meine Antwort(en) der Woche. Voilà:

Schmidt: Ich höre mich eher reden. Die Optik spielt nicht so eine große Rolle. Ich weiß, dass ich jetzt ungefiltert über Theater rede. Da überleg ich nicht: Sag ich’s jetzt, oder sag ich’s nicht? Wenn ich Interviews mit einer Boulevardzeitung habe, gibt es eben ’ne kleine Performance. Da behaupte ich dann, ich würde jetzt mit meinem Lebensgefährten zusammenwohnen oder so. Da geht’s ja drum: Die müssen mit Sprüchen nach Hause kommen, damit’s in Google läuft.

ZEIT: Vor drei Jahren hatten Sie ein Gespräch mit André Müller, dem Meisterinterviewer. Wie war das?

Schmidt: Nach dem Müller-Interview habe ich den ganzen nächsten Tag gekotzt, ich hatte Migräne, weil es mich so angestrengt hat. Da bin ich erstarrt in Respekt vor der Interview-Legende. Müller hatte den Tisch voll mit Material, Zitaten, Manuskripten. Das liegt vor ihm wie eine Landkarte. Und dann nimmt er so ein Blatt hoch und fragt: Wenn Kinder verhungern, is Ihnen doch egal, oder? Und ich: Nee, is mir nich egal. Er: Wieso, ich denk, Sie seien ein Zyniker. Dann sagt er über sich: Ich bin unglücklich; ich weine. Er wollte unbedingt, dass ich sage, ich hab keinen Spaß am Leben. Er will einen todunglücklichen Menschen präsentieren. Und ich bin drauf eingegangen. Für mich war der Level das legendäre Interview, das André Müller für die ZEIT mit dem damaligen Burgtheaterdirektor Claus Peymann führte und das ganz Wien in Aufruhr brachte. Da wollte ich hin. Im Nachhinein muss ich sagen: Pech gehabt, kleines Streberlein. Das war mein Streberehrgeiz, der mich da reingetrieben hat.

ZEIT: Wieso Streberehrgeiz? Haben Sie doch gar nicht mehr nötig. Sie standen schon mal auf der Cicero- Liste der wichtigsten Intellektuellen, auf Platz zwei. Nur Günter Grass war noch vor Ihnen.

Schmidt: Ich hatte gehofft, dass er zurücktritt von Platz eins nach der Enthüllung seiner SS-Vergangenheit. Wie ein disqualifizierter Tour-de-France-Sieger. Er hat es dann leider nicht gemacht. Und außerdem: Es war ja leider nur Cicero.

… und später:

ZEIT: Letztes Jahr dachten wir schon, Sie leiteten den endgültigen Abschied vom Fernsehen ein.

Schmidt: Ach, diese Interviews haben eine geringe Halbwertszeit. Das war meine Stimmung damals, das war die Tagesform. Vielleicht sollte ich mehr Interviews geben. Vielleicht sollte ich hauptsächlich Interviews machen – das tägliche Interview, das das gestrige Interview relativiert.

(„Bua, Bua!“, Interview mit Harald Schmidt, Die Zeit 42/2008, http://www.zeit.de/2008/42/Interview-Harald-Schmidt?page=all)

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